Du siehst aber schlecht aus….!

Against Bodyshaming

Kennst du den Spruch, gefolgt von einer Liste was alles nicht in Ordnung ist? Hast du dich danach tatsächlich schlecht gefühlt, obwohl vorher alles ok war? Dann könntest du ein Opfer von Bodyshaming geworden sein…auch wenn das zugegebener Maßen sehr oft nicht einmal böse gemeint sein muss und ein gedankenlos geäußertes Zeichen von Sorge sein kann 😉

Nachdem es viele, viele Jahre lang gesellschaftlich akzeptiert war, andere für ihr Aussehen zu diskriminieren, gibt es in der letzten Zeit immer mehr Kampagnen gegen Körperscham (engl. Bodyshaming). Die meisten verbinden mit Bodyshaming die Diskriminierung von Übergewichtigen…vermutlich, weil sich die meisten auch genau mit dem Problem identifizieren können (laut statistischem Bundesamt waren 2013 in Deutschland insgesamt 52% übergewichtig und 16% sogar stark übergewichtig).

Das war auch meine erste Erfahrung mit Bodyshaming. Als Kind macht man sich wenig Gedanken über den eigenen Körper. Sobald sich Kinder dann aber als Person begreifen, setzt erstmals Körperscham ein. Eine Studie hat herausgefunden, dass diese Entwicklung bei den meisten Kindern im Alter von 5 Jahren einsetzt – spätestens jedoch mit 7 sind alle Kinder „in der Lage“, sich für ihren Körper zu schämen. Und spätestens dann sollte man keinem Menschen etwas sagen, das sein eigentlich positives Verhältnis zu seinem Körper ändern könnte!

„Du bist zu dick!“

Nachdem ich immer ein dünnes Kind war, legte ich in der Pubertät extrem zu bis ich kurz vor dem Knacken der 100kg-Marke stand. Ich erinnere mich an unzählige Shoppingtouren, bei denen ich superhübsche Klamotten anprobiert habe und wie eine Presswurst aussah – ich gefiel mir selbst nicht und das war richtig schlimm! Noch schlimmer aber waren die Kommentare der anderen, die der Meinung waren, man müsste mir auch noch sagen, dass ich „zu dick“ sei. …vielleicht, weil ich keine Augen oder keine Ahnung habe oder so. Ich war eben dicker als normale Teenager….aber Moment…

Was ist eigentlich NORMAL?

Wenn ich so zurückdenke, habe ich mich mein Leben lang den Bewertungen und dem Urteil anderer Menschen ausgesetzt gefühlt und habe mich manchmal schwer damit getan, was „man macht“ und was nicht oder was „normal“ ist. Denn das war für mich oft gar nicht nachvollziehbar.  Der Duden sagt, normal bedeutet

1.1)  der Norm entsprechend; vorschriftsmäßig
1.2) so [beschaffen, geartet], wie es sich die allgemeine Meinung als das Übliche, Richtige vorstellt
1.3) (umgangssprachlich) normalerweise
2) (veraltend) in [geistiger] Entwicklung und Wachstum keine ins Auge fallenden Abweichungen aufweisend

Die Natur wollte, dass ich nicht „normal“ bin und jeder kann es sehen…

„Du bist zu groß!“

…denn ich steche allein aufgrund meiner Körpergröße heraus. Während die deutsche Durchschnittsfrau irgendwo bei ca. 1,65m liegt, bringe ich es auf stolze 1,82m und da ich recht früh ausgewachsen war, war ich in meinem Leben schon oft „zu  groß“ und habe mich oft dafür geschämt. Ich war zu groß für Kinderfahrgeschäfte, zu groß für knöchellange Hosen, zu groß für Jungs, zu groß für Männer, zu groß für einen Job (ja, auch hier haben viele Männer und teilweise sogar Frauen Probleme damit, große Frauen zu akzeptieren)…trotzdem habe ich mich irgendwann daran gewöhnt, überall „die Größte“ zu sein und Menschen zu ignorieren, sofern sie ein Problem damit haben. Ich kann meine Größe nicht ändern und habe sie akzeptiert. Nein, eigentlich sogar mehr…ich habe die schönen Aspekte daran zu schätzen gelernt und finde es inzwischen schön so groß zu sein <3

Jede Medaille hat zwei Seiten: Du findest mich zu groß? Dann bist du ganz offenbar zu klein…denn du hast ja scheinbar ein Problem und nicht ich! 😉

Die gegenteilige Erfahrung habe ich leider nie machen können…zumindest würde mir spontan nicht eine einzige Gelegenheit einfallen, zu der ich „zu klein“ gewesen wäre. Trotzdem denke ich, dass viele kleinere Leute vermutlich ganz genauso mit ihrer Größe zu kämpfen haben werden. Vielleicht mag ja der ein oder andere seine Erlebnisse hier mit uns teilen? 🙂

„Du bist zu dünn!“

Ich habe die Extreme der Gewichtsskala für meinen Körper in beide Richtungen erlebt. So wie ich meinen Körper mit fast 100kg kennengelernt habe, kenne ich ihn auch mit 58kg. Und ebenso wie ich mit 99kg „zu dick“ war, war ich nach Unterschreiten der 70kg-Marke „zu dünn“.

Was hier wiederum ganz interessant ist: Bei dünnen Menschen denken viele, es sei ok, sie dafür zu diskriminieren. Das war eine ganz neue Erfahrung. Dicke Menschen darf man nicht darauf ansprechen – das ist unhöflich, große bzw. kleine Menschen können nichts dafür und haben kaum Einfluss auf ihre Größe, da halten sich viele zurück. Dünne Menschen hingegen müssen unbedingt etwas ändern und das muss man ihnen auf jeden Fall sagen. Auch das ist respektlos und fällt unter Bodyshaming! Oh, da schießt sie jetzt aber mit Kanonen auf Spatzen… Wirklich? Ist „du musst mehr essen, du bist zu dünn“ wirklich etwas ganz anderes als „du musst abnehmen, du bist zu dick“?

Was ist Bodyshaming?

Jede Kritik am Körper eines anderen Menschen, die diese Person dazu bringt, sich für ihren Körper zu schämen, fällt unter Bodyshaming! Es ist egal, ob es aufgrund der Größe, des Gewichtes,  wegen abstehenden Ohren, einer schiefen Nase, schielenden Augen..wasauchimmer ist! Es ist jede Art negativer Kritik am Körper einer anderen Person – und kommt meist ungefragt und ist meist verletzend. …besonders schlimm, wenn die betroffene Person unter einer Krankheit leiden sollte! 😉

Was kann man tun?

Vor ein paar Jahren war mein eigenes Unwohlsein für mich die Motivation, mich endlich mit meinem Körper zu beschäftigen und mich vernünftig zu informieren.

Mit der Entscheidung etwas zu ändern und der Bereitschaft zu lernen habe ich mir den größten Gefallen getan, den ich mir hätte tun können. Vorher habe ich mich kaum bewegt, Sport gab es nie und ich habe alles zu mir genommen, was schmeckte. In der Zwischenzeit habe ich die Bedürfnisse meines Körpers kennengelernt, verstehe seine Signale und kann darauf eingehen. Und ich weiß, was er leisten kann. Durch dieses gute Verhältnis zu meinem Körper bin ich nicht mehr auf das Urteil und die Akzeptanz anderer angewiesen. Das war ein ziemlich cooler Nebeneffekt, mit dem ich eigentlich gar nicht gerechnet hatte 😀

Mein Fazit:
Lernt man sich und seinen Körper kennen und erfüllt seine Bedürfnisse, wird er alles geben, sich von seiner besten Seite zu zeigen.  Man lernt seine Stärken schätzen, an Schwächen zu arbeiten, Unveränderliches zu akzeptieren und stärkt zudem sein Selbstbewusstsein 🙂

Um selbst niemanden in die blöde Situation zu bringen, hilft Klopfers Motto:

„Wenn man nichts nettes zu sagen hat, soll man den Mund halten“ (aus Bambi).

Man kann es ohnehin nie allen Recht machen, jeder muss sich selbst gefallen und niemandem sonst! <3

 


Foto & Bearbeitung: Trash-Art by Dionisio Martena




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4 thoughts on “Du siehst aber schlecht aus….!

  1. Elga says:

    Ja, viele unserer Mitmenschen sind der Meinung, sie müssten andere kritisieren. Es ist ganz egal ob es Größe, Gewicht, Haarfarbe, Kleidung oder sonst irgendetwas ist, was sie nicht gut finden. Eigentlich sollte sich jeder um sich selbst kümmern und vor der eigenen Türe kehren.

    • Da hast du Recht…unsere Gesellschaft ist sehr stark darauf geprägt, Fehler zu suchen statt sich auf die schönen Dinge zu konzentrieren. 🙂

      Da kann es auch mal vorkommen, dass wir ungewollt negative Kritik an anderen üben, weil wir in unserere Aussage kein Problem erkennen. Vermutlich haben die wenigsten mal darüber nachgedacht, dass „Bist du dünn geworden!“ (Kompliment) viellleicht gar nicht so viel anders ist als „Bist du dick geworden!“ (Beleidigung) – es kommt halt nur auf den Standpunkt der beteiligten Personen an 😀

      Wenn ich unterwegs bin, spreche ich mittlerweile sogar sehr oft Leute an und sage ihnen, was mir an ihnen gefällt (schöne Schuhe, Tasche, Frisur, Outfit…) – die Gesichter sind einfach fantastisch! Damit rechnet keiner und die Freude ist dann umso größer 🙂

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